Auszüge aus der Familiengeschichte Hovekamp
Aufgeschrieben im Januar 1938 von Karl Hovekamp (1888 - 1941)

"Insbesondere durch die Verbesserung des Verkehrswesens brachte das 19. Jahrhundert eine neue Entwicklung auf allen Gebieten. Im Jahre 1835 wurde die erste Eisenbahnlinie Nürnberg - Fürth eröffnet. Im Jahre 185o begann der Bahnbau Münster - Rheine, durch welchen auch das Hovekamp' sche Erbe durchschnitten wurde und zwar etwa 3oo m östlich der Wohnstätte. Die Linie wurde 1856 in Betrieb genommen. War dies noch ohne Besonderheiten abgegangen, so war die Wirkung des zweiten Bahnbaues Oberhausen - Rheine - Quakenbrück einschneidender. Westlich vom Hofe war die Durchschneidung geplant und zwar in unmittelbarer Nähe des Wohnhauses.


Skizze der Hoflage bis 1883

 

Der Besitzer Bernard Hovekamp verlangte eine solche Entschädigung, daß das Wohnhaus an entfernterer Stelle wieder aufgebaut werden konnte. Die Eisenbahngesellschaft wollte aber nur die Kosten einer feuersicheren Eindeckung statt des Strohdaches übernehmen. Es kamen lange Verhandlungen, die hauptsächlich von dem ältesten Sohne Heinrich geführt wurden, der auch noch den Freiherrn von Schorlemer auf Haus Alst aufsuchte, um dessen Unterstützung und Hilfe gegen den mächtigeren Gegner zu erlangen. Der Baron, auch wohl "Westfälischer Bauernkönig" genannt, besaß im Volke große Verehrung und großes Ansehen, allsonsten aber Achtung und Respekt. Er war auch hier zur Mitwirkung sofort freundlichst bereit und mein sel. Vater war mit dem Erfolge zufrieden. So entstand 1884 eine neue Hofanlage, wie sie aus den bei gefügten Bildern zu ersehen ist, während die Bahn schon seit dem 1.7.1879 in Betrieb war.


Hofansicht in Hauenhorst nach dem Bahnbau bis 1911.

 

Gut dreissig Jahre lag dann der Hof dort eingekeilt zwischen den beiden Bahnlinien, bis sich der Eisenbahnfiskus im Jahre 1910 anschickte, die ganze Hofstätte zu verschlingen, um dort den Rangierbahnhof Rheine - Süd auszubauen. Der Verkauf erfolgte freiwillig und es wurden für die Gebäude mit 7 Morgen Land etwa 55.000.- Mark erzielt. Die Räumung hatte bis zum 1. Okt. 1911 zu geschehen. Die Größe des Erbes betrug zu dieser Zeit etwa 170 Morgen, wovon noch rund 70 Morgen unkultivierte Heideflächen waren. Die Kulturböden jedoch, welche sowieso eine Splitterlage hatten, wurden nunmehr durch den in Aussicht stehenden Bahnhofsbau vollständig getrennt.

Deshalb schien es am besten, auch diese Grundstücke zu veräußern und dafür ein geschlossenes Erbe wieder zu kaufen. Nach verschiedenen Umblicken im Münsterlande, denn weiter stand der Sinn nicht, schien das Hilbersche Erbe in Neuenkirchen die beste Gelegenheit zum Ankauf zu bieten.

 

In Neuenkirchen

Der jetzige Erbhof Hovekamp in Neuenkirchen stammt auch aus alter Zeit und war früher als "Hilbers Hoff" weit und breit bekannt. Vor reichlich 100 Jahren gingen die tollsten Spukgeschichten über ihn im Volke um. Wollten die Knechte an einem Morgen die Pferde anschirren, war alles Lederzeug zerschnitten. War das Essen für die Arbeiter auf dem Felde in einem Korb verpackt, so konnte es vorkommen daß die Butterbrote verschwunden waren und nur ein Haufen Kot darin war. An einem Morgen jedoch fand man sogar den Ackerwagen oben auf dem Dachfirst und die Pferde davor. So sah man fast an jedem Morgen Unheil. Da begann man, mit Flinten und dergl. bewaffnete Männer als Nachtwachen aufzustellen. Daß sie einen Erfolg gehabt hätten, wird nicht berichtet. Eines Abends sollen sie auf der Wagendeichsel gesessen haben, als plötzlich unsichtbar der Stock herausgezogen wurde und alle mit Schrecken auf die Erde fielen. Ein Mann aus der Gegend, der abends am Hofe vorbei mußte und von der Wache gehört hatte, rief schon von weitem: "Scheit't nich, ick sin Sunndags-Gert de guedde Mann!" Daß viele Schäden vorgekommen sind und auch Wachen gestellt wurden, bleibt als Tatsache bestehen. Der vor etlichen Jahren in hohem Alter verstorbene Wirt August Diercksen wußte, daß sein Vater in jungen Jahren mit Posten gestanden hätte. Nach der Überlieferung verursachte ein auf Abwege geratener Geistlicher des nahen Dorfes die Schäden und Unglücksfälle. Er soll dann nach Amerika ausgewandert sein, sich dort bekehrt und den Schaden erstattet haben. Die jetzt über 8O Jahre alte Ww. August Diercksen glaubte, mir den wahren Grund der Verhexung mitteilen zu können. Eine Freundin ihrer verstorbenen Mutter habe zu der Zeit auf dem Hofe gewohnt und folgendes mitgeteilt. Der damalige alte Bauer Hilbers habe dem Geistlichen 200 Thaler (= 600.- Mark) geboten, wenn er seinen Sohn vom Militärdienst frei schaffe. Das sei diesem gelungen, aber der Bauer habe ihm den versprochenen Lohn nicht gegeben und sei daraufhin dessen Rache verfallen."


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"Von dem alten Erbe aber wurden etwa 22 Morgen Waldgrundstücke nicht veräußert, weil erstens die Finanzierung ohnedem gesichert war und zweitens ein Heimatrecht und die Verbindung mit dem Vätererbe erhalten werden sollte.

Am 1. Oktober 1911 zogen wir dann mit unserer Familie auf die erworbene Besitzung womit für Hof und Familie eine neue Geschichte begann.

An diesem Tage zog eine lange Karawane von Kasten- und Leiterwagen, unter Mitwirkung von Freunden und Nachbarn, nebst der Viehherde über Rheine und den Thieberg nach Neuenkirchen. Ein Zug des Schicksals war es! Und nicht leichten Herzens geschah die Trennung vom Heimatboden. Väter und Urväter hatten hier den Lebenskampf bestanden. Ein Menschenleben lang hatte der Vater dieser Scholle gedient, festverwurzelt mit ihr durch Freude und Leid. Uns Kindern aber war es ein Abschied von dem Orte der seligsten Zeit des Lebens. Ein Trost war die Anteilnahme aller Nachbarn und Bekannten, welche sich aus der Hilfeleistung eine Ehre machten."